Startseite Pferdegesundheit Extensive Weidehaltung von Pferden – Segen und Fluch zugleich? Gefahren für Pferde in Weidehaltung

Extensive Weidehaltung von Pferden – Segen und Fluch zugleich? Gefahren für Pferde in Weidehaltung

Im Herbst 2013 sind in Sachsen und Thüringen ungewöhnlich viele Erkrankungen und Todesfälle bei Pferden aufgetreten,

die einen Großteil des Tages bzw. Tag und Nacht auf der Weide gehalten wurden. Die Erkrankungen umfassten Durchfälle, Hufrehe, Koliken, Störungen des Zentralnervensystems sowie die atypische Myopathie. Wenn Tiere zur Abklärung der Todesursache zur Sektion in die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen kamen, wurden neben den typischen Muskelveränderungen bei den atypischen Myopathiefällen überwiegend Darmentzündungen, -risse und -verlagerungen, Leber- und Nierenschäden sowie bakterielle Entzündungen der inneren Organe und Endoparasitenbefall festgestellt.

Bei der Analyse durch den Pferdegesundheitsdienst (PGD) waren vor allem folgende Gemeinsamkeiten in den betroffenen Pferdehaltungen auffällig:

 

  • hochgradig extensive Bewirtschaftung der Weiden meist schon über Jahre bis Jahrzehnte
  • fehlende bzw. höchst unzureichende Versorgung der Pferde auf der Weide mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen
  • fehlende Kenntnisse der Pferdehalter über die Parasitensituation im Bestand

 

Für viele Pferdehalter ist es selbstverständlich, ihre Tiere auf der Weide zu halten. Diese Haltungsform erscheint ideal, da die Pferde frische Luft atmen, Sozialkontakte in der Herde ausleben, sich nach Belieben bewegen und Gras fressen können. Hinzu kommt, dass für die Pferdehalter weniger Arbeit z.B. durch Wegfall der Stallpflege oder Bewegung der Tiere anfällt und vermeintlich Kosten beim Raufutter eingespart werden können. Diesen Vorteilen der Weidehaltung stehen aber auch Nachteile gegenüber, die bei Nichtbeachtung zu Erkrankungen und im Extremfall zum Tod der Tiere führen können.

Im Frühjahr und Sommer sind die Weiden in der Regel sehr energiehaltig, was bei Freizeitpferden im Zusammenhang mit geringer Arbeitsleistung und rassebedingter Veranlagung häufig zum Übergewicht führt. Im Herbst sind die Weiden dann bis auf die überständigen Gailstellen abgefressen (Bild 1) und dem restlichen Gras fehlt es an Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien. Das wird von vielen Pferdehaltern als unkritisch bewertet, da die Pferde im Herbst ja sowieso „abspecken“ sollen. Hinzu kommt, dass betroffene Weiden oft von Bäumen umgeben sind sowie Hanglagen und staunasse Stellen aufweisen. So werden diese Weiden weniger als Futtergrundlage gesehen, als vielmehr als Auslauf in Gruppenhaltung. Die Pferde fressen aber einen Großteil des Tages, was sie auf der Weide finden können. Darüber hinaus haben sie natürlich einen Anspruch auf den Erhaltungsbedarf an Nährstoffen bzw. Jungtiere sogar einen erhöhten Bedarf, da sie sich noch im Wachstum befinden und häufig mit Darmparasiten befallen sind. Auch der Fellwechsel und die Anpassung an tiefere Temperaturen im Herbst erfordern eine höhere Nährstoffzufuhr. Wenn dann gar nichts oder nur Heu zugefüttert wird, reicht das nur so lange aus, bis die Nährstoffspeicher des Pferdes aufgebraucht sind. Bei klimatischen Bedingungen wie im Herbst 2013, die es „erlaubten“, die Pferde möglichst lange auf der Weide zu lassen, werden diese köpereigenen Nährstoffreserven bei dem einen Tier (vor allem Jungtiere) eher und bei dem anderen später aufgebraucht. Beleg dafür sind die im Blut von Weidepferden häufig erniedrigten Selen- und Zinkkonzentrationen.

Fehlendes Wissen und technische Möglichkeiten, ungünstige Lage der Weiden, Bequemlichkeit, Sparzwänge sowie Förderauflagen führen bei den Pferdebetrieben oft zu völlig unzureichender Pflege der Pferdeweiden. Das hat zur Folge, dass wohlschmeckende Gräserarten und Kräuter immer wieder stark verbissen und durch weniger beliebte Arten (z.B. schnellwüchsiges Knaulgras) und lästige Unkräuter (z.B. Ampfer, Distel, Brennnessel) verdrängt werden. Darüber hinaus haben auf schattigen, nassen und schlecht durchlüfteten Weiden für das Pferd potentielle Schadstoffe wie Schimmelpilze oder Bakterien insbesondere im Herbst günstige Lebensbedingungen. Wenn die Gräser zu dem mangels Nährstoffen und Überweidung gestresst sind, besitzen sie weniger Widerstandskräfte gegenüber Mikroorganismen und gleichzeitig auch weniger für das Pferd verfügbare Nähstoffe.

Deshalb rät der PGD dringend allen Pferdehaltern mit Weidebetrieb zu folgenden Maßnahmen:

 

Weidepflege

 

Die Grasnarbe darf nicht kürzer als 5-6 cm verbissen werden. Die Weiden sollten nicht regelmäßig abgeschleppt werden, da dadurch die Gailstellen vergrößert und Endoparasitenstadien verteilt werden. Das Abschleppen erfolgt möglichst nur zum Einebnen von Maulwurfshaufen oder Trittschäden evtl. in Kombination mit Nachsaat. Bedingt durch die hohe Belastung von Pferdeweiden sind Über- und Nachsaat als feste, regelmäßige Maßnahmen im Flächenmanagement einzuplanen. Als Saatgut dienen in der Regel Mischungen mit hohen Anteilen an Deutschem Weidelgras oder von den Landwirtschaftsämtern empfohlene Nachsaatmischungen. Nach dem Weideumtrieb sollten die Flächen nachgemäht und das Schnittgut am besten mit dem Pferdekot abgefahren werden. Zur Düngung von Pferdeweiden hat sich besonders Kalkstickstoff bewährt (2-4 dt/ha), da dieser neben seiner Düngewirkung auch eine reduzierende Wirkung auf Unkräuter und Parasitenstadien aufweist. Er sollte im zeitigen Frühjahr ausgebracht werden. Nach ca. 3 Wochen, in denen es möglichst kräftig geregnet hat, können die Pferde nach Wiederergrünen der Grasnarbe zurück auf die Weide. Bei reiner Beweidung sollten die Jahresmengen für Stickstoff von 60 kg/ha nicht überschritten werden. Zur Ermittlung des Düngebedarfs einer Pferdeweide sind etwa alle 3-4 Jahre Bodenproben untersuchen zu lassen. Auf die Analyse von Pferdeweideböden ist z.B. die LUFA NRW (http://www.landwirtschaftskammer.de/lufa/analysen/boden/pferdeweiden.htm) spezialisiert, bei der man automatisch konkrete Vorschläge zu Düngemitteln und Düngermengen für die beprobten Flächen bekommt.

Als Alternativen zur kostenintensiven Kalkstickstoffdüngung bieten sich entsprechend der Ergebnisse der Bodenuntersuchungen auch Kalkungen mit Kalziumoxid alle 3-4 Jahre, jährliche Stickstoffgaben nach Bedarf durch Kalkammonsalpeter bzw. Ammonsulfatsalpeter oder die Anwendung von Volldünger mit Phosphat, Kalium und Magnesium an. Zu beachten ist in jedem Falle die Düngeverordnung.

Bei der Ausbringung von Pferdemist auf die Weiden, muss dieser vorher mindestens 1 Jahr gut kompostiert sein und sollte nur alle 3 Jahre im Herbst in einer Menge von ca. 100 dt/ha fein verteilt ausgebracht werden. Davon abweichend ist mit Geschmacksbeeinträchtigungen des Grases zu rechnen.

Eine Misch- oder Wechselbeweidung mit Rindern wirkt sich ebenfalls günstig auf die Weideerhaltung aus, da dabei kaum Weidereste verbleiben und der Parasitendruck gemindert wird.

Vor Weideauftrieb im Frühjahr kann von Zeit zu Zeit, etwa bei starker Verunkrautung mit Ampfer, Distel und Brennnessel, auch eine Herbizidbehandlung notwendig sein.

Bei der Wintervorbereitung ist darauf zu achten, dass das Grünland 5-8 cm hoch in den Winter geht. Ist die Narbe zu kurz, können empfindliche Gräser wie z.B. das Deutsche Weidelgras keine Reservestoffe einlagern und sterben evtl. ab. Ist die Narbe zu lang (z.B. Gailstellen über 10 cm) wintert sie leicht aus. Deckt das abgestorbene Material die darunterliegende vitale Narbe zu, droht diese zu ersticken. Außer dem ist es hervorragendes Nährmedium für Schimmelpilze, welche evtl. Gifte (Mykotoxine) bilden können. Sind die Böden nass, sollte die Weideperiode spätestens Ende Oktober beendet werden, um Trittschäden zu vermeiden. In diesen Lücken siedeln sich im Frühjahr leicht unerwünschte Arten an.

 

Mineralstoffversorgung

 

Pferden in Weidehaltung müssen unbedingt täglich vitaminisierte Mineralstoffmischungen in ausreichender Menge und geeigneter Zusammensetzung angeboten werden. Minerallecksteine sind dafür nicht geeignet, da sie in der Regel keine Vitamine und zu geringe Konzentrationen an Spurenelementen wie z.B. Selen enthalten sowie von den Pferden unterschiedlich angenommen werden. Besser geeignet sind Mineralleckmassen. Diese werden bei Neueinführung in den ersten 2 Monaten sehr stark von den Pferden frequentiert, was sich danach auf einem gewissen Niveau einpegelt.

Am sichersten ist die tägliche, dosierte Zufütterung an jedes Einzeltier nach den Angaben der Hersteller, entweder als Pellets bzw. Pulver oder sogenannte Brix („Mineralleckerli“) bzw. Cobs.

Zu beachten ist, dass die vielen unterschiedlichen Mineral-, Vitamin- und Spurenelementmischungen, die es im Handel für Pferde gibt, unterschiedlichste Konzentrationen an Nährstoffen enthalten. So wird von Pferdefütterungsexperten empfohlen, dass die Mineralmischungen für Weidepferde als alleinige Zusatzquelle zu Gras und evtl. Heu z.B. mindestens 15 mg Selen pro kg enthalten sollen. Insbesondere im Herbst enthält das Weidegras zu wenig Vitamine und der Verbrauch der Pferde an Mineralien und Spurenelementen ist durch den Fellwechsel und die Wetterbedingungen erhöht.

Der Versorgungsstatus der Pferde mit Selen kann und sollte in regelmäßigen Abständen über eine Blutuntersuchung durch den Hoftierarzt kontrolliert und gegebenenfalls korrigiert werden.

 

Parasitenbehandlung

 

Um die Belastung der Weidepferde mit Endoparasiten einschätzen zu können, sollte möglichst von jedem Einzelpferd in der zweiten Hälfte der Weidesaison (August/September) eine Kotprobe untersucht werden. Ein größerer Parasitenbefall kann insbesondere bei Jungtieren (bis 4 Jahre) oder bei älteren Pferden (ab 20 Jahre) auftreten. Diese müssen unter Umständen häufiger behandelt werden. Auch sollte die Wirksamkeit der Medikamente durch Kotuntersuchungen vor und nach der Behandlung kontrolliert werden, um einer Resistenzentwicklung der Parasiten gegenüber den Arzneimitteln vorzubeugen. In diesem Zusammenhang empfiehlt der PGD die sogenannte selektive Entwurmung. Hierbei werden nur die Pferde behandelt, die mittel- bis hochgradig Parasitenstadien mit dem Kot ausscheiden. Dieses Verfahren setzt eine Beprobung jedes Pferdes in 2-3monatigen Abständen voraus. Es wird dadurch der zunehmenden Resistenzentwicklung der Parasiten entgegengewirkt und der Arzneimitteleinsatz reduziert.

 

Jeder Pferdehalter sollte für seine Haltungsform entscheiden, welche der genannten Maßnahmen für ihn umsetzbar sind. Die komplette Nichtbeachtung kann fatale Folgen für die Pferde haben und ist deshalb im Sinne des Tierschutzes sehr kritisch zu beurteilen.

Bei der Rationsüberprüfung sowie der Parasitenbekämpfung steht Ihnen neben Ihrem Hoftierarzt der PGD gerne beratend zur Seite. Über geeignete Weidepflegemaßnahmen sollten Sie sich von landwirtschaftlichen Beratungsstellen informieren lassen.

 

Dr. Uwe Hörügel

Pferdegesundheitsdienst

SÄCHSISCHE TIERSEUCHENKASSE

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