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Programm des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz und der Sächsischen Tierseuchenkasse zur Prävention von Schwanzbeißen sowie Schwanz- und Ohrrandnekrosen bei Schweinen in Sachsen

Die derzeit geübte Praxis des routinemäßigen Kupierens der Schwänze von Ferkeln verstößt gegen deutsches Recht (§ 6 Absatz 1 Tierschutzgesetz) und europäisches Recht (Anhang I, Kapitel I, Nummer 8 der RL 2008/120/EG vom 18. Dezember 2008 über Mindestanforderungen für den Schutz von Schweinen (ABl. L 47 vom 18.2.2009 S. 5), berichtigt ABl. L 39 vom 16.2.2016 S. 63). Bei gesetzeskonformem Kupierverzicht müsste nach wissenschaftlicher Schätzung unter den derzeitigen Haltungsbedingungen mit einer Schwanzbeißer-Rate  von 60 % gerechnet werden (Pütz et al., 2011)[1]. Selbst unter extensiven Haltungsbedingungen (Freilandhaltung) von Schweinen mit unkupierten Schwänzen treten bei bis zu 20 % der Tiere Verletzungen auf (Walker und Bilkei, 2006)[2].  

Gegenwärtig geht die Wissenschaft davon aus, dass sowohl Schwanz- als auch Ohrbeißen nur zum Teil als primärer Kannibalismus angesehen werden können. Hauptsächlich scheinen beide Verhaltensweisen  sekundärer Natur zu sein und stellen wesentliche Symptome des Entzündungs- und Nekrosesyndroms beim Schwein dar. Schwanz- und Ohrrandnekrosen, die endogen entstehen und zu starkem Juckreiz führen, provozieren den sekundären Kannibalismus.

Die Pathogenese des Schwanz- und Ohrbeißens basiert auf der additiven und potenzierenden Wirkung einer schier unüberschaubaren Vielzahl unterschiedlichster Faktoren, die sich aus der intensiven und extensiven Schweinehaltung ergeben (EFSA, 2007)[3] und derzeit in Bezug auf die individuelle Betriebssituation in ihrer Wirkung kaum vorhersagbar sind.

Das Erkennen bestandsspezifischer Ursachen und das erfolgreiche Abstellen sind erste entscheidende Schritte auf dem Weg zur Haltung von Schweinen mit unkupierten Ringelschwänzen.

Durch die Vermeidung von Schwanz- und Ohrrandnekrosen kann des Weiteren der Antibiotikaverbrauch erheblich reduziert werden.

Ein Instrument zur Ermittlung von Risikofaktoren, die zum Schwanzbeißen führen können, ist das vom Institut für Tierschutz und Tierhaltung im Friedrich-Loeffler-Institut entwickelte  „Schwanzbeiß-Interventions-Programm“ (SchwIP). Dabei handelt es sich um ein Beratungskonzept, in das eine Software mit Wissensdatenbank zur betriebsindividuellen Analyse und Rückmeldung von Risiken für das Schwanzbeißen eingebettet ist.

Der Schweinegesundheitsdienst wird unter Nutzung dieses Programms, unter Einbeziehung der sächsischen „Checkliste zur Vermeidung von Verhaltensstörungen bei Schweinen“ sowie unter Berücksichtigung der Empfehlungen  2016/336 der Kommission vom 8.3.2016 in betroffenen Betrieben Risikofaktoren ermitteln und diese im Kontext zur Tiergesundheit und Fütterung, Haltung  und Management interpretieren. Es sollen praktikable Lösungsvorschläge erarbeitet werden.

[1] Pütz S., F. Jaeger, C. Wieland, K. Rohn, A. Kaes (2001): Schwanzbeißen beim Schwein überwinden. Ein Beitrag zur ganzheitlichen ursachenorientierten Lösung des Problems. Tierärztliche Umschau 66, 349-354

[2] WalkerP., G. Bilkei (2006): Tail-biting in outdoor pig production. The Veterinary Journal 171, 367-369

[3] The risks associated with tail biting in pigs and possible means to reduce the need for tail docking considering the different housing and husbandry systems - Scientific Opinion of the Panel on Animal Health and Welfare

Authors:  European Food Safety Authority (EFSA),  First published: 20 December 2007, EFSA Journal, Wiley Online Library


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