Startseite Pferdegesundheit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) beim Pferd – gibt es das wirklich? Aus dem Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, (Jena1 und Greifswald - Insel Riems2), in Zusammenarbeit mit dem Pferdegesundheitsdienst der S

_MG_4686_Einzelrhrchen_150Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) beim Pferd – gibt es das wirklich?

Aus dem Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, (Jena1 und Greifswald - Insel Riems2), in Zusammenarbeit mit dem Pferdegesundheitsdienst der Sächsischen Tierseuchenkasse3

Die FSME ist die wichtigste virale durch Zecken übertragene Humanerkrankung in Deutschland mit ca. 250 amtlich an das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldeten Fällen pro Jahr. Die Übertragung der FSME-Viren (FSMEV) erfolgt durch einen Zeckenstich, daneben kann eine Infektion sehr selten auch auf alimentärem Wege durch den Verzehr von mit FSME-Viren belasteter Rohmilch oder von Rohmilchprodukten erfolgen. Dieser zweite Weg spielte jedoch in Deutschland in den vergangenen Jahren keine Rolle.

Im Gegensatz zu Borrelien, die in Deutschland mehr oder weniger überall vorkommen können, wo Zecken vorhanden sind, sind FSME-Viren in sogenannten Naturherden zu finden. Am ehesten ist die FSMEV-Verbreitung mit einem Flickenteppich vergleichbar, mit einem deutlichen Schwerpunkt im Süden Deutschlands, vor allem in Baden-Württemberg und Bayern.

Bei Tieren kommen klinische Fälle von FSME nur selten vor, können aber einen sehr schweren Verlauf nehmen und tödlich enden. Neben Hunden und Affen können auch Pferde an FSME erkranken. Unter anderem sind folgende klinischen Symptome der FSME bei Pferden in der veterinärmedizinischen Literatur beschrieben: Deutlich gestörtes Allgemeinbefinden, Inappetenz, Bewusstseinstrübungen, Zittern, Zähneknirschen, Erhöhung von Körpertemperatur und Pulsfrequenz, Schreckhaftigkeit, Kreisbewegungen, Krämpfe, ataktischer Gang sowie epileptiforme Anfälle.

_MG_4686_EinzelrhrchenDiese wenig charakteristischen Symptome machen labordiagnostische Untersuchungen zu einem wichtigen Hilfsmittel, denn differentialdiagnostisch kommen bei derartigen Symptomen auch zahlreiche andere Krankheiten mit einer neurologischen Symptomatik in Frage, wie z. B. Borna’sche Krankheit, Botulismus, Listeriose, Leptospirose oder einige Vergiftungen. Ein direkter Nachweis des Erregers in Blutserum oder Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) gelingt nur selten, da die Phase der Virämie, d.h. die Zeit, in der das Virus im Blut zirkuliert, nur kurz ist und dabei in der Regel noch keine klinischen Symptome vorliegen. Der indirekte Nachweis mit Hilfe von Antikörpern gegen FSME lässt dagegen einen Rückschluss auf eine bereits überstandene Infektion mit dem Erreger in der Vergangenheit zu.

Untersuchungen in Thüringen und Bayern

Im Rahmen einer Routineuntersuchung für den Pferdegesundheitsdienst von 130 Pferden aus 13 Thüringer Beständen wurden durch das Nationale Referenzlabor für durch Zecken übertragene Krankheiten am FLI in Jena auch der FSME Antikörpertiter im Blutserum bestimmt. Obwohl einige wenige Landkreise in Thüringen vom RKI als FSME-Risikogebiete eingestuft wurden, war die Zahl der humanen Fälle hier bisher gering (zwischen 2001 und 2012 insgesamt nur 44 Fälle) und bewegte sich in ganz Thüringen von Jahr zu Jahr in der Regel im niedrigen einstelligen Bereich. Deshalb erschien es eher unwahrscheinlich, dass die untersuchten Pferde FSMEV-Antikörper aufweisen.

Montage_Grenvergl_Zeckenfr_MinibildUmso erstaunlicher war es, dass ein klinisch auffälliges Pferd einen sehr hohen FSME-Antikörpertiter aufwies. Das Tier war drei Monate zuvor aus Bayern zugekauft worden und zeigte einige eher unspezifische Symptome, wie beeinträchtigtes Allgemeinbefinden, Fressunlust, Gewichtsabnahme, Schreckhaftigkeit und Nervosität, die zumindest partiell auch bei einer klinisch manifesten FSME auftreten könnten.

Obwohl es extrem unwahrscheinlich schien, dass sich das Tier in Thüringen in seiner neuen Umgebung infiziert haben könnte, wurden aus dem näheren und weiteren Umfeld der Haltung Zecken auf FSME-Virus-Genom (Nachweis des Erbgutes) untersucht. Es konnte jedoch in keiner der insgesamt 1557 untersuchten Zecken FSME-Virus-Genom nachgewiesen werden.

Mit Unterstützung der Tierhalter und der betreuenden Tierärzte vor Ort war es möglich, aus dem Herkunftsbestand in Bayern 10 Pferdeseren zu untersuchen sowie im Umfeld 820 Zecken zu sammeln. Zwei der Seren wiesen FSME-Antikörper auf, außerdem konnte in einem Pool von 10 Zecken (Nymphen) FSME-Virus-Genom gefunden werden. Es liegt somit nahe, dass sich das Pferd in diesem Herkunftsbestand infiziert hat. Offensichtlich hatten aber auch zwei weitere Pferde Kontakt zu FSME-Viren, potentielle klinische Symptome wurden aber bei diesen beiden Tieren nicht beobachtet.

Anschließend wurden aus einem zweiten Bestand in ca. 30 km Entfernung vom ersten Bestand Seren von 15 Pferden untersucht und dabei in Seren von fünf Tieren FSME-Antikörper nachgewiesen. Bei der Pool-Untersuchung von 63 im Umfeld gesammelten Zecken konnte in zwei Pools mit je 5 Zecken (Männchen) FSMEVirus-Genom mittels real-time RT-PCR nachgewiesen werden. Auch diese Tiere waren offensichtlich im Umfeld ihrer Stallungen in Kontakt mit dem Erreger gekommen, allerdings klinisch ebenfalls unauffällig.

Resümee

In FSME-Risikogebieten, wie z. B. in Bayern, muss auch mit einer Übertragung von FSME-Viren auf Pferde gerechnet werden. Auch wenn klinische FSME-Erkrankungen bei Pferden eher selten sind, sollte bei unklaren neurologischen Symptomen differentialdiagnostisch an diese Krankheit gedacht werden, zumal in seltenen Fällen sehr schwere Verlaufsformen bei Pferden möglich sind.

Eine für Pferde zugelassene Impfung existiert nicht und eine ursächliche (kausale) Therapie ist ebenfalls nicht möglich. Eine gute prophylaktische Möglichkeit besteht in der weitgehenden Vermeidung von Zeckenstichen. Besonders auf schmalen Waldwegen, an Wiesenrändern und auf recht feuchten Wiesen können potentiell FSME-Virus-tragende Zecken auch Pferde zur Blutmahlzeit aufsuchen.

Das einzige für Pferde zugelassene Präparat zur Abwehr von Ektoparasiten (Wellcare-Emulsion, Fa. Intervet) ist bezüglich seiner Wirksamkeit gegen Zecken nicht untersucht. Wird eine Zecke am Tier entdeckt, sollte sie so rasch als möglich dicht an der Hautoberfläche entfernt werden.

Bei dem Pferd in Thüringen ergab die Kontrolle des Antikörpertiters über mehrere Monate einen kontinuierlichen Titerabfall, gleichzeitig verschwanden die klinischen Symptome. Nach unserem letzten Kenntnisstand erfreut sich das Tier in seiner neuen Thüringer Heimat inzwischen bester Gesundheit.

Die Autoren danken allen Tierhaltern und den betreuenden Tierärzten für die Unterstützung der Untersuchungen. Die vollständigen Daten können nachgelesen werden in: Veterinary Microbiology 163 (2013) Seiten 368-372 (in Englisch).

Dr. Christine Klaus1; Dr. Uwe Hörügel3; Dr. Bernd Hoffmann2; PD Dr. Martin Beer2