Startseite Pferdegesundheit Im Herbst wieder Gefahr von Todesfällen durch die Atypische Weidekrankheit!

  Im Herbst wieder Gefahr von Todesfällen durch die Atypische Weidekrankheit!

Die Atypische Weidekrankheit oder kürzer Atypische Myopathie (AM) ist eine erworbene, höchstwahrscheinlich toxisch bedingte Störung des Muskelstoffwechsels bei Weidepferden in Europa und Nordamerika.

Die im Zeitraum von 2006 bis 2012 am häufigsten betroffenen Länder sind nach Angaben einer Zentraldatei der Universität Lüttich (Atypical Myopathy Alert Group, AMAG) Frankreich (393 Fälle), Belgien (191), Deutschland (187) und Großbritannien (132).

Auftreten der Erkrankung

  Die AM steht im Zusammenhang mit jahreszeitlichen und den entsprechenden klimatischen Veränderungen. So tritt diese Erkrankung überwiegend im Herbst von Oktober bis Dezember und seltener im darauffolgenden Frühjahr von April bis Mai auf. Insbesondere nach wärmeren Tagen mit einem nächtlichen Temperaturabfall bis um den Gefrierpunkt erkranken Pferde an AM. Auch nach anderen Stresssituationen wie Training, Transport oder Narkosen sind Fälle beschrieben.

Neben einzelnen älteren Tieren sind vorwiegend jüngere Pferde bis zum Alter von 3 Jahren betroffen. Hengste weisen ebenso wie sehr schlanke Pferde ein erhöhtes Krankheitsrisiko auf. Pferde, die regelmäßig entwurmt und geimpft werden, sind seltener betroffen. Auch Tiere, die geritten oder gefahren werden, erkranken kaum.

Die überwiegende Anzahl der AM-Fälle betrifft Pferde, die 24 Stunden auf der Weide gehalten werden. Deutlich seltener erkranken Tiere, die weniger als 6 Stunden auf die Weide kommen.

Interessant ist, dass die betroffenen Weiden von Pferdehaltern oft als üppig bezeichnet werden, wogegen Fachleute sie als mager und abgefressen definieren. Das hängt nach Erfahrungen des Pferdegesundheitsdienstes (PGD) damit zusammen, dass die Geilstellen, welche von den Pferden unbedingt gemieden werden, einen langen und üppigen Wuchs aufweisen, wogegen die Gräser, die die Tiere bevorzugen, bis auf die Erde verbissen sind (Bild 1). Diese Fehleinschätzung führt auch dazu, dass den Pferden nur in seltenen Fällen zusätzliche Futtermittel angeboten werden, da sie ja „noch genug stehen haben“. Meist liegen die betroffenen Koppeln auch in Hanglage, weisen feuchte Stellen auf und sind von Bäumen umgeben (Bild 2). Darüber hinaus sind die Weiden überwiegend unbehandelt und kaum gepflegt. 


 

     Krankheitsbild

Häufig werden die Pferde morgens tot auf der Koppel liegend vorgefunden. Das Krankheitsbild beginnt 12 - 48 Stunden nach Aufnahme des Agens mit Kolikanzeichen, Muskelzittern, Schwitzen und Untertemperatur. Die Tiere zeigen einen schwankenden Gang, lassen den Kopf hängen (Bild 3) und kommen zum Festliegen in Seitenlage. Auffällig ist, dass selbst Pferde in Seitenlage noch Nahrung aufnehmen wollen, aber meist auf Grund der zerstörten Muskulatur nicht mehr kauen und schlucken können. Typischerweise ist der Harn durch die Ausscheidung des Muskelfarbstoffes dunkelbraun bis schwarz gefärbt (Bild 4) und bei der Laboranalyse ist insbesondere die Blutserumkonzentration der Kreatinkinase (CK) drastisch erhöht.

Der überwiegende Teil der an AM erkrankten Pferde überlebt nicht.

Bei der histologischen Untersuchung der verendeten Pferde findet man Anzeichen für eine massive Muskelzerstörung sowie eine erworbene Entgleisung des Fettstoffwechsels.

 

Ursachen

Im Rahmen von epidemiologischen Erhebungen betroffener Weiden in Europa als auch in Nordamerika konnten in fast allen Fällen Bäume in der Nähe der Koppeln gefunden werden. Am häufigsten waren dabei Ahornbäume vertreten. Das deckt sich auch mit den Untersuchungen des PGD von Fällen in Sachsen und Thüringen. Allerdings gab es auch wenige Fälle, wo keine Bäume bzw. keine Ahornbäume vorhanden waren.

In neueren Untersuchungen konnte ein Abbauprodukt der toxischen Aminosäure Hypoglycin A, welche sich in den Samen des Ahorns befindet, im Blut und im Urin von betroffenen Pferden aus Nordamerika und Europa gefunden werden. Von dieser Aminosäure ist bekannt, dass sie der AM ähnliche Krankheitsbilder beim Menschen verursachen kann.

Als weitere Ursachen für die AM werden Bodenbakterien (Clostridien) und/oder Schimmelpilze vermutet. Es ist bekannt, dass insbesondere Schimmelpilze wie z.B. Fusarien bei Temperaturwechsel um den Gefrierpunkt ihre Gifte (sogenannte Mykotoxine) vermehrt produzieren und freisetzen.

Auch eine Mangelversorgung an Nährstoffen und insbesondere an muskelzellschützenden (antioxidativen) Substanzen, wie z.B. Selen, scheint eine nicht unerhebliche Rolle bei der Krankheitsentstehung zu spielen. Bei Untersuchungen des PGD wiesen fast alle betroffenen ebenso wie nicht betroffene Pferde auf derselben Weide z.T. erheblich erniedrigte Selenwerte im Blut auf. Zu beachten ist dabei, dass Weidepferde ohnehin im Herbst einen höheren Verbrauch an antioxidativen Substanzen (auch Vitamine B, C und E) haben, wodurch eine bereits marginale Versorgungslage noch verstärkt wird.

Bei der Sektion verendeter Pferde war auffällig, dass diese häufig einen erheblichen Befall an Endoparasiten zeigten.

 

Vorbeugemaßnahmen

Um das Risiko einer AM-Erkrankung zu minimieren, sollten die Pferde ab Anfang Oktober nachts aufgestallt und tagsüber nicht länger als 6 Stunden auf die Weide verbracht werden. Darüber hinaus müssen sie ein ausreichendes Angebot an Raufutter, je nach Ernährungszustand Kraftfutter sowie in jedem Falle Vitamin- und Mineralfutter erhalten.

Betriebe, in denen die Pferde weiterhin Tag und Nacht auf der Koppel gehalten werden, sollten Weiden nutzen, die nicht von Bäumen umgeben und auf denen noch keine Fälle von AM aufgetreten sind. Das Nährstoffangebot des Weidegrases muss objektiv eingeschätzt und durch Rau- und evtl. Kraftfutter ergänzt werden. Die Zufütterung sollte nicht vom Boden, sondern aus Raufen erfolgen, da die Heufüttterung vom Boden ebenfalls einen Risikofaktor darstellt.

Unbedingt ist darauf zu achten, insbesondere Jungtiere regelmäßig zu entwurmen und den Behandlungserfolg anhand von Kotproben zu überprüfen. Mehrere Parasitenarten sind schon resistent gegenüber einzelnen Wurmmitteln. Bei Bandwurmbefall muss ein spezieller Wirkstoff zum Einsatz kommen.

Pferden auf Dauerweide müssen Minerallecksteine oder besser noch -leckschalen zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen. Sachsen und Thüringen sind ebenso wie die anderen Bundesländer Selenmangelgebiete und der Bedarf an diesem, für die Muskulatur und das Immunsystem immens wichtigem Spurenelement kann nur durch Zufütterung ausgeglichen werden. Auch andere zellschützende (antioxidative) Substanzen wie die Vitamine B und C sollten ergänzt werden. In Einzelfällen kann der Tierarzt das Selen auch prophylaktisch injizieren. In einer epidemiologischen Studie zur AM schien die Verabreichung von Antioxidantien die einzige medikamentöse Therapie zu sein, die hilfreich bei der Überwindung der Erkrankung ist.

Zur Gesunderhaltung der Pferde ist auch unbedingt auf die Weidepflege zu achten. So hat z.B. die Anwendung von Kalkstickstoff neben dem düngenden auch einen desinfizierenden Effekt auf die Weiden. Pferde auf gut gepflegten und nicht überweideten Koppeln erkranken kaum bis überhaupt nicht an der AM.

 

Fazit für die Praxis

Die AM ist eine Bedrohung für unsere Pferde mit meist fatalem Ausgang. Die Ursachen dieser Krankheit sind noch nicht vollständig aufgeklärt. Nach Einschätzung des PGD handelt es sich bei der AM um ein Krankheitsgeschehen, dass durch mehrere Faktoren beeinflusst wird. Der Pferdekörper nimmt wahrscheinlich verschiedene potentiell giftige Substanzen (z.B. Pflanzen-, Pilz-, Bakteriengifte) auf und ist auf Grund von Mängeln in der Nährstoffversorgung (Energie, Antioxidantien) sowie schwächenden Faktoren (z.B. Parasitenbefall, Fellwechsel) nicht in der Lage, diese Giftstoffe unschädlich zu machen.

Durch die Einhaltung der oben genannten Vorbeugemaßnahmen ist es aber möglich, das Erkrankungsrisiko so weit wie möglich zu minimieren. Nicht zu Letzt tritt die Erkrankung in den letzten Jahren gehäuft auf, weil sich die kostengünstigere, weniger arbeitsaufwendige, extensive Haltung zunehmender Beliebtheit bei Pferdehaltern erfreut.

Die tierschutzgerechte Haltung und Aufzucht unserer Pferde ist allerdings ohne ein gewisses Maß an Arbeits- und Finanzaufwand nicht zu realisieren.

 

Ich möchte Sie hiermit aufrufen, mich bei Auftreten der oben beschriebenen Symptome zeitnah zu informieren. Über die Internetseite der Sächsischen Tierseuchenkasse (www.tsk-sachsen.de) sowie über einen E-Mail-Verteiler sollen weitere Pferdehalter unter Wahrung der Anonymität möglichst schnell über das Auftreten der AM informiert werden. Diese können dann reagieren, indem sie ihre Pferde entweder ganz von der Koppel holen oder diese nur noch stundenweise auf die Weiden lassen und entsprechend zusätzlich mit Nährstoffen versorgen.

Wer in den E-Mail-Verteiler des PGD aufgenommen werden möchte, schreibt bitte eine kurze Nachricht an die unten stehende Adresse.

 

Vielen Dank für Ihre Mithilfe und hoffentlich einen AM-freien Herbst!

 

Dr. Uwe Hörügel

Pferdegesundheitsdienst

SÄCHSISCHE TIERSEUCHENKASSE

Löwenstr. 7a | 01099 Dresden

Tel: +493518060821 | Fax: +493518060812 | Mobil: +491714836069

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